Bei den Fakten bleiben
Die globale Rally, die nach Weihnachten sowohl bei Aktien als auch bei Unternehmensanleihen einsetzte, warf flächendeckend die Frage auf, ob das globale Wachstum stärker ist als erwartet. Die Zinssenkungen der US-Notenbank (die jetzt eine abwartende Haltung einnimmt) und ihr Bilanzabbau (der nicht mehr auf Autopilot läuft) haben höhere Risikoanlagen natürlich einen enormen Auftrieb verliehen. Wir haben jedoch den Eindruck, dass die Investoren nach dem schrecklichen Frost des vierten Quartals nun ein aufkeimendes Wachstum erkennen (oder sich dies zumindest einbilden). Werfen wir einen Blick auf die jüngsten makroökonomischen Daten, um herauszufinden, ob diese wirklich für eine anhaltende Rally bei Aktien und Unternehmensanleihen sprechen.

US-BIP eine Finte
In Anbetracht der BIP-Berichte des ersten Quartals macht es Sinn, sich zunächst mit den USA zu beschäftigen. Oberflächlich betrachtet, fiel das vierteljährliche Wachstum des realen BIP mit +3,2 % (annualisiert) mehr als solide aus. Dieser Wert übertraf die Konsensschätzungen von 2,3 % und war weitaus besser als die BIP-Erwartungen, die zwischen November und Februar vorherrschten (1,0 % bis 1,5 %). So viel zu den Rezessionsängsten der Investoren. Zum Leidwesen der makroökonomischen Optimisten fielen die grundlegenden Daten des Berichts jedoch relativ schwach aus. Der Privatkonsum gab gegenüber dem vierten Quartal um mehr als die Hälfte nach (1,2 % gegenüber 2,5 %) und die Unternehmensinvestitionen waren schwach – angetrieben wurden diese ausschließlich von der weniger greifbaren Komponente des „geistigen Eigentums“. Darüber hinaus hatte der wahrscheinlich einmalige Einbruch bei den Importen eine künstliche Belebung des Wachstums zur Folge. Hinzu kommt, dass die Vorräte der Unternehmen im dritten Quartal in Folge anstiegen, aber letztendlich abgebaut werden müssen. Unter Berücksichtigung all dieser Faktoren wuchsen die „endgültigen Inlandsverkäufe“ im Quartal um +1,3 % – eine Zahl, die weitaus weniger Eindruck macht. Dabei sollte man auch nicht vergessen, dass all diese „realen“ Daten zudem von der schwächsten Preisanpassung in drei Jahren angetrieben wurden.

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Source: Bloomberg, Natixis Investment Strategies Group, Q1:2002 - Q1:2019 (Quarterly)

Gleichwohl ist noch nicht alles verloren. Auch wenn das Wachstum von 3,2 % unseres Erachtens eine Finte ist, deutet in den Daten kaum etwas darauf hin, dass das Wachstum ins Stocken gerät oder eine Rezession bevorsteht. Die Daten zum verarbeitenden Gewerbe in den USA haben sich stabilisiert, und der ISM Composite Index1 steht mit 56,0 Zählern immer noch im Einklang mit einem realen BIP, das sich der 3 %-Marke nähert.

In den letzten Jahren wurde das BIP aufgrund starker ISM-Daten jedoch überschätzt. Deshalb bezweifeln wir, dass es sich bei den 3 % um eine langfristige Entwicklung handelt. Auch wenn diese Entwicklung anhalten sollte, würde dieses Ausmaß der Konjunktur lediglich ein Wirtschaftswachstum von 1,5 % bis 2,0 % rechtfertigen. Dies entspricht unserer unveränderten Einschätzung, dass sich die US-Wirtschaft auf ein potenzielles BIP von etwa 2 % abschwächen wird, jedoch keine Rezession bevorsteht – zumindest nicht kurzfristig.

Europa: gedämpftes, aber positives Wachstum
Der Wachstumsausblick für Europa ist nach wie vor durchwachsen, jedoch nicht wirklich negativ, wie von vielen befürchtet. Europa wächst – trotz der allgegenwärtigen politischen und strukturellen Schwierigkeiten. Dieses Wachstum vollzieht sich nur recht langsam. Nachdem der Euro Area Composite PMI Index2 im Januar seine Talsohle erreicht hatte, stabilisierte er sich in den letzten Monaten wieder. Gleichzeitig hat das BIP gegenüber dem Vorjahr um +1,2 % zugelegt. Im ersten Quartal erhöhte sich das BIP gegenüber dem Vorquartal um +0,4 % und erreichte damit den höchsten Wert seit dem zweiten Quartal des Vorjahres. Ein Blick auf die größten Volkswirtschaften zeigt Folgendes: Die Konjunktur in Deutschland zieht nach dem Abschwung in der Automobilbranche und dem verarbeitenden Gewerbe wieder an, die Wirtschaft in Frankreich gewinnt wieder leicht an Fahrt und Großbritannien schneidet nach wie vor solide ab – wenngleich dies nur auf den vorläufigen Effekt des Lageraufbaus im Vorfeld des Brexits zurückzuführen ist.

Insgesamt bewegt sich das Wirtschaftswachstum in Europa in einer Spanne von 1,0 % bis 1,5 % – das ist zwar nicht spektakulär, steht aber im Einklang mit der langfristigen potenziellen BIP-Rate der Eurozone. Das Wachstum ist zwar gedämpft, bewegt sich aber in die richtige Richtung.

Erholung in China?
Ähnlich wie in den USA machen die jüngsten Daten aus China einen weitaus besseren Eindruck – verglichen mit dem Abschwung in der zweiten Hälfte des Vorjahres. Die Schwäche bei den chinesischen Exporten scheint nachzulassen, während die Industrieproduktion im März um 1,0 % zugelegt hat – das stärkste monatliche Wachstum seit fünf Jahren. In Anbetracht dieser besseren Daten dürfte es nicht überraschen, dass sich der China Caixin PMI Composite Index3 im März erholt und den höchsten Stand seit letztem Juni erreicht hat. So legte der Index von 50,7 auf 52,9 zu.

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Source: Bloomberg, Natixis Investment Strategies Group, May 2016 - March 2019 (Monthly)

“Dead Flowers”
Unter Berücksichtigung der obigen Daten kehren wir zu unserer Ausgangsfrage zurück: Sollten die Anleger in Begeisterung ausbrechen, weil eine Blütezeit des globalen Wachstums bevorsteht? Dieser Optimismus ist unseres Erachtens etwas überzogen. Zwar gibt es einige positive Anzeichen. Wir glauben jedoch, dass die Verbesserungen bescheiden und teilweise nur vorübergehender Natur sind. Gleichwohl hat sich die Weltwirtschaft nicht schlafen gelegt. Wir sind der Ansicht, dass eine etwaige Rezession noch etwas auf sich warten lassen dürfte.

Auch wenn sich die Daten etwas verbessert haben, glauben wir nicht, dass die Weltwirtschaft einen grundlegenden Richtungswechsel vollzogen hat. Im schlimmsten Fall schwächt sich das Wachstum auf sein langfristiges Potenzial ab. Und im besten Fall zeigt es lediglich Anzeichen für eine Stabilisierung – von einer Blütezeit kann jedoch nicht die Rede sein. Sofern die Inflation keine überraschende Entwicklung einschlägt (in welche Richtung auch immer), dürfte die US-Notenbank kurzfristig weder eine Straffung noch eine Lockerung der Geldpolitik vornehmen – denn keiner der Ausblicke fällt extrem genug aus. Da die US-Notenbank vorerst abwartet, dürften Aktien und Unternehmensanleihen von einem langsamen, aber positiven Wachstum profitieren. Dies steht im Einklang mit der Einschätzung, die wir seit mehreren Quartalen vertreten. Ein breit angelegtes Wirtschaftswachstum reicht jedoch nicht aus, um eine aggressivere Risikobereitschaft zu rechtfertigen.
1 Der ISM Manufacturing Index ist ein weit verbreiteter Indikator für die aktuelle Wirtschaftsaktivität in den USA. Der Index wird häufig als Einkaufsmanagerindex (EMI) bezeichnet.

2 Der Eurozone Composite PMI® (Purchasing Managers' Index®) wird von IHS Markit erstellt und basiert auf Umfragedaten, die anhand einer repräsentativen Gruppe aus 5.000 Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe und Dienstleistungssektor erhoben werden. Berücksichtigt wurden die Daten zum verarbeitenden Gewerbe in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, den Niederlanden, Österreich, der Republik Irland und Griechenland. Die Daten zum Dienstleistungssektor beziehen sich auf Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und die Republik Irland.

3 Der Caixin Manufacturing PMI Purchasing Managers' Index wird von IHS Markit erstellt und bildet die Entwicklung des verarbeitenden Gewerbes ab. Die Indexdaten stammen aus einer Umfrage unter 430 Privatunternehmen aus dem Industriesektor.

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