Wie schlimm war 2022 für Anleger bisher? Gut möglich, dass Sie etwas Ähnliches noch nicht erlebt haben. So verbuchte der S&P 500 von Januar bis April diesen Jahres mit einem Minus von 13 % sein schlechtestes erstes Quartal seit 1939.1 Seither setzt sich das Annus horribilis allem Anschein nach unbeirrt fort – mit einer toxischen Mischung aus geopolitischen Spannungen, anziehender Inflation und restriktiven Zentralbanken, die den Anlegern im Zusammenspiel zusetzen. Die globalen Aktienindizes entwickeln sich etwas besser – allerdings nur unwesentlich.2

Sogar noch schlechter erging es den traditionell als sichere Häfen geltenden Anleihen: Sie verloren im ersten Quartal 10 %. Um ein Jahr zu finden, in dem globale Anleihen stärker einbrachen, muss man zurückgehen bis 1842, als eine Depression im Gange war.3 Erstmals seit 1994 wurden Aktien und Anleihen zeitgleich abverkauft. Das verlässliche 60/40-Portfolio, seit Langem ein Eckpfeiler der Diversifizierung, verbuchte eine seiner schlechtesten Phasen überhaupt.4 Nur wenige Vermögenswerte sind verschont geblieben, und selbst erfahrene Investoren kommen ins Schwitzen.

„Ich habe den ganzen Tag Bauchgrummeln“, meinte ein altgedienter Anleihenprofi.5 „Es gibt so viele unterschiedliche Unsicherheitsfaktoren, und keiner davon wird sich in den nächsten Wochen, wenn nicht gar Monaten auflösen.“

Wichtig ist, die Entwicklungen im Zusammenhang zu betrachten. Der jüngste Volatilitätsschub war besonders heftig, da die Zentralbanken versuchen, die galoppierende Inflation einzufangen, was Aktien und Anleihen schadet. Bärenmärkte sind aber ein normaler Bestandteil des Konjunkturzyklus.

In den vergangenen 140 Jahren hat es de facto 19 Baissephasen auf den Aktienmärkten gegeben, in denen die Kurse im Schnitt um rund 37 % gefallen sind.6 Solche Abschwünge verlaufen glimpflicher, wenn gerade keine Rezession vorliegt – mit Verlusten um 20 %.7 Lässt die Inflation nach, und es gelingt uns, eine Rezession zu vermeiden, könnten wir das Schlimmste bereits überstanden haben – vor allem, da die Verkaufswelle die Folge steigender Zinsen (des „K“) und nicht etwa einbrechender Gewinne (des „G“ in KGV) war.

Hinzu kommt, dass die meisten Bärenmärkte so oder so relativ schnell vorübergehen und die Verluste früher oder später wieder hereingeholt werden: Beim S&P 500 dauert eine Baisse im Regelfall etwa ein Jahr, und die Anleger haben ihre Verluste nach etwas mehr als zwei Jahren wieder ausgeglichen.8 Die jüngsten Turbulenzen folgen auf einen wahrhaft epischen Bullenmarkt: Selbst wenn die pessimistischsten Prognosen für den S&P 500 von 3400 zutreffen sollten, wären wir damit erst auf demselben Stand wie Ende 2019, kurz vor Ausbruch der Pandemie.9

Wer seit Jahren investiert ist, für den könnte sich 2022 als ähnlicher Ausreißer wie die Jahre 2008, 2018 oder 2020 entpuppen.

Ganz gleich, wie schlimm es aussieht – Anleger können sich damit trösten, dass sich Aktien gewöhnlich robuster zeigen, als zu erwarten wäre, und längerfristig stetig steigen – obwohl es immer wieder Kriege, Pandemien, Naturkatastrophen, Finanzkrisen, geldpolitische Kurswechsel und Rezessionen gibt. Selbst der große Inflationsschock der 1970er-Jahre, als die Inflation ein Hoch von 14 % erreichte und Aktien über zehn Jahre auf der Stelle traten, zog letztlich in den 1980er-Jahren einen der größten Bullenmärkte aller Zeiten nach sich.10
Langfristige Anleger könnten am besten beraten sein, wenn sie tatsächlich gar nichts unternehmen. Wird es kritisch, wollen wir unbedingt etwas tun, um gegenzusteuern oder Einfluss zu nehmen. Diese Neigung wird auch als Aktivitätsverzerrung bezeichnet. Sie führt allzu oft dazu, dass wir die Erholung verpassen, zu lange unterinvestiert bleiben oder von unserem Investmentplan abweichen. Das ist auf lange Sicht der sichere Weg zu unterdurchschnittlichen Ergebnissen, da Anleger jetzt Verluste mitnehmen und ihnen die spätere Erholung durch die Lappen geht.

Potenzielle Anleger könnten in dem extremen Pessimismus dagegen sogar eine Chance wittern. Warren Buffet riet bekanntlich: „Sei ängstlich, wenn andere gierig sind, und gierig, wenn andere Angst bekommen.“ Das könnte heute sicherlich zutreffen. Einen Wendepunkt genau zu erwischen, ist notorisch schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Geld arbeiten zu lassen, wenn „das Blut in den Straßen fließt“, hat sich dagegen immer wieder als Erfolgsrezept erwiesen. Kein Wunder also, wenn das Orakel von Omaha persönlich derzeit die Fühler nach dem Markt ausstreckt und Positionen zukauft, nachdem es jahrelang auf reichlich Liquidität gesessen hat.

Ja – das erste Halbjahr 2022 ist für Anleger historisch betrachtet ungut gewesen. Doch die Geschichte lehrt auch, dass solche Phasen vorübergehen. In Panik zu verfallen oder die heutigen Sorgen ad finitum in die Zukunft fortzuschreiben, ist ein Irrweg.
Nur zu oft ist der Anleger selbst sein größter Feind. In einem erschütternden Bericht aus dem Jahr 2020 stellte das Research-Unternehmen Dalbar fest, dass der S&P 500 von 1999 bis 2019 im Schnitt 6,06 % pro Jahr abwarf, der durchschnittliche Aktienfondsanleger aber nur 4,25 % erzielte.11 Kein so großer Unterschied, könnte man meinen, aber über 20 Jahre kann eine jährliche Differenz von knapp 2 % dramatische Effekte haben. Schuld daran waren laut Dalbar die Emotionen.

„Ein Hauptgrund, aus dem Anleger deutlich hinter der Indexrendite zurückbleiben, ist der Umstand, dass viele Anleger ihr Kapitel in Marktkrisen abziehen“, heißt es in dem Bericht. „Seit 1984 entfiel der Rückstand zu rund 70 % auf nur zehn entscheidende Phasen. All diese groß angelegten Rückzüge ereigneten sich nach einem heftigen Markteinbruch.“

Das ist womöglich zu erwarten. Schließlich sind Menschen emotionale Wesen, und die wenigsten können sich den animalischen Instinkten der Angst und der Gier entziehen – den Kräften, die die Märkte beherrschen. Doch je stärker wir unsere Fähigkeit, den richtigen Marktzeitpunkt zu erwischen, überschätzen oder uns nach Impulsen oder Gefühlen richten, desto unwahrscheinlicher ist, dass wir es schaffen, unsere Ziele zu erreichen.

„Ihr Geld ist wie ein Stück Seife“, formulierte es der namhafte Ökonom Gene Fama Jr. einmal. „Je häufiger Sie es in die Hand nehmen, desto weniger bleibt übrig.“12

Stattdessen sollten Anleger in Erwägung ziehen, am Ball zu bleiben und ganz bewusst nichts zu tun. Haben Sie einen langfristigen Plan oder einen fachkundigen Berater, an dem Sie sich orientieren, sollten kurzfristige Stimmungen und Marktschwankungen keine Rolle spielen. Die größten Aussichten auf langfristige Ertragssteigerungen haben Investoren, die einen Plan aufstellen und – noch wichtiger – sich daran halten, auch wenn sie sich dabei manchmal unwohl fühlen.

„Gewöhnlich … [verzichten unbeherrschte Menschen] auf langfristige Wertentwicklung, um kurzfristig besser zu schlafen“, erklärte es Greg Davies, Chef der Verhaltensforschung bei Oxford Risk. „Die Leute sagen:, Ich halte mich lieber fern, bis mir die Lage wieder geheuer ist‘ – doch dann ist es zu spät.“13

Auf jeden, der auf dem Markt den richtigen Zeitpunkt erwischt und dadurch Gewinne erzielt hat, kommen viele andere, die die Erholung verpassen und unter dem Strich Verluste verbuchen, wie die rasanten Aufwärtsbewegungen von 2018 und 2020 zeigten.
Könnte der jüngste Abverkauf in Wirklichkeit eine Kaufchance darstellen? Zwar kann niemand sagen, ob ein neuer Bullenmarkt bevorsteht, doch die Entwicklung wirkt wieder interessanter.

Von Anfang April bis Mitte Mai wurden Aktien sieben Wochen lang nahezu kontinuierlich abverkauft – über den zweitlängsten Zeitraum seit 1928.14 Dadurch sind Titel aus Europa und China unter ihre langfristige Durchschnittsbewertung gefallen, und der US-Aktienmarkt liegt auf zehn Jahre gesehen nur noch knapp über seinem durchschnittlichen KGV für die nächsten zwölf Monate (Stand Ende Mai). Endlich scheint das Risiko-Ertrags-Szenario aufzuklaren.

Ebenso bedeutsam ist der extreme Pessimismus, der sich derzeit auf den Märkten durchgesetzt hat. Fondsmanager halten so hohe Barbestände wie seit 20 Jahren nicht – ein deutliches Signal für Angst –, und die Umfragen und Stimmungsindikatoren, etwa zu Angst und Gier, fallen so miserabel aus, dass sie förmlich „Kaufen“ schreien.15

Das bedeutet nicht, dass eine Bodenbildung oder eine Rally eintreten muss, doch in der Vergangenheit hat es sich für Anleger bezahlt gemacht, einzusteigen, wenn die Stimmung am Boden war. Es fällt auf, dass gewiefte Investoren wie Warren Buffet ihr Geld allmählich wieder arbeiten lassen. Ein weiteres optimistisches Zeichen für Anleger ist, dass die Insider endlich anfangen, eigene Aktien zu kaufen.16

Das ist aus mehreren Gründen positiv.

Erstens zeigt es, dass die Insider ihre eigenen Unternehmen für billig halten oder glauben, dass diese künftig ein überzeugendes Wertangebot darstellen. Zweitens gelten Insider oft als „Smart Money“ – als die besser informierten Anleger, die ihre Unternehmen und deren Aussichten genau kennen. Es zahlt sich aus, mit ihnen einzusteigen, wenn man kann. Umgekehrt gilt: Die Rekordzahl von Insiderverkäufen, als Aktien 2021 auf dem Höhepunkt waren, hätte als Warnsignal gewertet werden sollen.17

Wer es schafft, seine Gefühle im Zaum zu halten, langfristig zu denken und gegen den Strom zu schwimmen, für den könnte der Durchschnittskosteneffekt derzeit eine clevere Strategie sein. Kommt es noch schlimmer, werden dadurch die Verluste minimiert, und man kann Vermögenswerte künftig zu günstigeren Kursen erwerben und muss nicht versuchen, den idealen Ein- oder Ausstiegszeitpunkt zu finden.

Abschließend ist unbedingt zu empfehlen, stets alles aus der richtigen Perspektive zu betrachten – vor allem schwierige Zeiten wie 2022. Dem Drang zum Aktionismus zu widerstehen, ist oft das A und O. Aus Erfahrung wissen wir: Der schlimmste Feind der Anleger sind nicht die Märkte, sondern die Anleger selbst.
GLOSSAR

  • Bullenmarkt – Ein Bullenmarkt (Hausse) ist eine Phase, in der die Kurse von Vermögenswerten kontinuierlich steigen. Die gängige Definition eines Bullenmarkts geht von einem Kursanstieg um mindestens 20 % aus.
  • Bärenmarkt – Als Bärenmarkt (Baisse) wird in aller Regel ein Markt bezeichnet, der auf seinen letzten Höchststand mehr als 20 % eingebüßt hat.
  • Volatilität – Unter Volatilität ist die Rate zu verstehen, mit der der Kurs eines bestimmten Vermögenswerts über einen festgelegten Zeitraum steigt oder fällt. Eine höhere Aktienkursvolatilität bedeutet gewöhnlich höhere Risiken.
  • 60/40-Portfolio – eine Mischung aus (annähernd) 60 % Aktien und 40 % Anleihen. Das Portfolio enthält sowohl offensive (Aktien) als auch defensive Merkmale (Anleihen) und generiert stabiles Wachstum und solide laufende Erträge
1 Quelle: CNN, https://edition.cnn.com/2022/05/02/investing/stocks-sell-may-go-away/index.html
2 Quelle: Global equity data sourced from Bloomberg, May 2022.
3 Quelle: Wall Street Jounal, https://www.wsj.com/articles/its-the-worst-bond-market-since-1842-thats-the-good-news-11651849380
4 Quelle: Barrons, https://www.barrons.com/articles/stocks-bonds-portfolio-investing-51652394644
5 Quelle: Wall Street Journal, https://www.wsj.com/articles/the-market-is-melting-down-and-people-are-feeling-it-my-stomach-is-churning-all-day-11653105601
6 Quelle: Marketwatch, https://www.marketwatch.com/story/based-on-19-bear-markets-in-the-last-140-years-heres-where-the-current-downturn-may-end-says-bank-of-america-11651847842
7 Quelle: CBS News, https://www.cbsnews.com/news/bear-market-2022-stock-market-wall-street-money/
8 Quelle: OPB, A Bear Market May be On the Horizon. Here’s What That Means https://www.opb.org/article/2022/05/19/bear-market-may-be-on-horizon-what-that-means/
9 Quelle: Global equity data sourced from Bloomberg, May 2022.
10 Quelle: Yahoo Finance, https://finance.yahoo.com/news/day-market-history-1980s-bull-112200931.html
11 Quelle: Dalbar, 2020 QAIB Report, https://wealthwatchadvisors.com/wp-content/uploads/2020/03/QAIB_PremiumEdition2020_WWA.pdf
12 Quelle: The Balance, https://www.thebalance.com/why-average-investors-earn-below-average-market-returns-2388519
13 Quelle: Irish Times, https://www.irishtimes.com/business/personal-finance/does-gut-instinct-betray-us-when-it-comes-to-investing-1.1431879
14 Quelle: Financial Times, https://www.ft.com/content/c017c45f-bfc5-4fce-a0fe-5c60b8fafe50
15 Quelle: CNN, https://edition.cnn.com/2022/05/18/investing/premarket-stocks-trading/index.html
16 Quelle: Financial Times, https://www.ft.com/content/2118d608-214a-475a-afcb-1882c23b6f50
17 Quelle: CNBC, https://www.cnbc.com/2021/12/01/ceos-and-insiders-sell-a-record-69-billion-of-their-stock.html

Diese Unterlagen dienen ausschließlich der Information und sind nicht als Investmentberatung zu verstehen. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten können sich jederzeit ändern. Es kann nicht zugesichert werden, dass sich die in diesem Artikel enthaltenen Vorhersagen oder Prognosen als richtig erweisen.