Konjunkturprognosen haben nur eine Funktion: Sie lassen die Astrologie seriös wirken.”
~ John Kenneth Galbraith
Sollten Sie die Experten ignorieren?
Alle Jahre wieder veröffentlichen Marktexperten ihre Investmentaussichten und Vorhersagen für das kommende Jahr. Tatsächlich taucht nur ein anderer Texttypus noch häufiger in Ihrem Posteingang auf als Investmentausblicke: nämlich Artikel darüber, dass man diese getrost ignorieren kann. Übliche Einwände sind unter anderem, dass die Märkte unvorhersehbar seien und nichts ein Portfolio schneller aus dem Gleichgewicht bringe als das willkürliche Rätselraten unwissender Strategen. Ob diese ernst gemeinte Warnungen äußern oder lediglich opportunistisch Chancen wahrnehmen, sich besonders bissig oder konträr zu präsentieren – die Anleger werden inzwischen regelrecht geschäftsmäßig dazu angehalten, sich vor den jährlichen Marktausblicken in Acht zu nehmen.

Als Autor solcher Kommentare habe ich gemischte Gefühle zum Thema. Hier daher unter Vorbehalt meine Ansicht zum Für und Wider von Marktprognosen und Ausblicken.

Beginnen wir mit den Nachteilen: Reine Marktvorhersagen sind ziemlich nutzlos. Dabei handelt es sich gewöhnlich um plakative Thesen oder, noch schlimmer, um Punktschätzungen, die im Brustton der Überzeugung geäußert werden. Lautstärke vermittelt Selbstvertrauen. Deshalb gilt: Je lauter und aufdringlicher, desto besser. (Das sorgt auch für schnellere Verbreitung über die sozialen Medien.) Doch eine Mutmaßung bleibt eine Mutmaßung, ganz gleich, wie selbstbewusst sie verkündet wird. Beispiele dafür sind unter anderem: „Zweistellige Renditen für Aktien!“ oder „Öl schießt auf über 100 US-Dollar/Barrel in die Höhe.“ Überzeugte Prognosen, konkrete Indexstände oder Kursziele erwecken zwar den Eindruck von Autorität, gehen aber im Grunde am Ziel vorbei: Eine gute Prognose ist stets probabilistisch, weil sich außerhalb der Mathematik und Physik nur wenig mit Bestimmtheit sagen lässt. Sobald einer behauptet, dass etwas eintritt (oder nicht), ist Misstrauen angezeigt. Natürlich weiß ich, warum Anleger und Finanzmedien so sehr nach dem Anschein von Sicherheit lechzen, und ab und zu tappen auch wir in diese Falle. Ich bin aber überzeugt, dass die besten Prognosen Unsicherheit einräumen und durch Bandbreiten, Wahrscheinlichkeiten und einschränkende Feststellungen relativiert werden. Manches kann mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit eintreten, doch eine Garantie gibt es für gar nichts.

Von Prognosen und Ausblicken einmal abgesehen, hat es einen noch tückischeren Effekt, Sicherheit vorzugeben: Es führt zu Selbstüberschätzung. Derartige Arroganz kann empfindliche negative Konsequenzen für Portfolios haben wie zu geringe Diversität, zu hohe Hebelwirkung oder das Eingehen unangemessener Risiken.

Warum das Warum so wichtig ist
Und die positive Seite? Das wertvollste Element eines Investmentausblicks sind die Argumente für die jeweiligen Ansichten oder Einschätzungen. Was die Fachleute meinen, ist lange nicht so aufschlussreich wie die Frage, warum sie so denken. Alle zukunftsgerichteten Kommentare bieten Gelegenheit, die Argumentation des Autors mit dem eigenen Verständnis von der Marktlage und der vorherrschenden Dynamik abzugleichen. Sind die Argumente logisch? Ist das Faktenmuster stimmig? Ist diese Einschätzung bereits eingepreist? Entspricht die geäußerte Meinung auch der angeführten Begründung? Echten Erkenntnisgewinn vermitteln die Gedankengänge des Autors, nicht die marktschreierischen Prognosen.

Als ich beispielsweise unseren Marktausblick für 2019 verfasste, vertrat ich darin die Auffassung, dass sich die Weltwirtschaft abschwächen würde und wir seit Jahren erstmals wieder eher mit (wenn auch nur leicht) fallenden als mit steigenden Zinsen rechnen müssten. Die Richtung unserer Überlegungen stimmte zwar, wie sich herausstellen sollte, aber hey – bei der Größenordnung haben wir uns ganz schön verschätzt. Die Zinsen sind in den Industrieländern nicht „leicht gefallen“, sondern regelrecht abgestürzt.

Doch wie schon gesagt: Die Prognose einer ungewissen Zukunft ist nicht dazu angetan, einer solchen Präzision Vorschub zu leisten. Der Leser sollte sich ein eigenes Bild von unseren Überlegungen und von der Qualität der vorgebrachten Argumente machen. Auf welche Indizien stützten wir unsere Behauptung, die Weltwirtschaft werde sich abkühlen? Warum gingen wir von einer Zinspause der Fed aus? Welche Gründe sahen wir für fallende Zinsen? War es folgerichtig, anzunehmen, dass langsameres Wachstum niedrigere Inflation nach sich ziehen würde? Hatten wir eingerechnet, was der Markt bereits eingepreist hatte? Die Liste ließe sich fortsetzen, aber Sie wissen sicher schon, worum es geht: Lernen lässt sich aus den Beweggründen und Gedankengängen, nicht aus der Prognose. Sie würden sich wundern, was man aus einer fundierten Prognose so alles herauslesen kann, auch wenn sie sich als falsch erweist.

Wohl begründete Vermutungen
Weil das Stellen von Marktprognosen alles andere als eine exakte Wissenschaft ist, mahnen uns die Buy-and-hold-Puristen erwartungsgemäß, die Ausblicke zum Jahresende am besten komplett zu ignorieren. Vergesst die Experten, bleibt bis zum Schluss am Ball und wählt eine langfristige Perspektive – so oder ähnlich lautet die klassische Theorie. Dieses Argument klingt zwar plausibel, weist aber ebenfalls Webfehler auf. Portfolioinvestments sind im Endeffekt stets „Wetten“. Legt man beispielsweise „auf lange Sicht“ in Aktien an, kauft, hält und gewichtet neu, dann setzt man im Grunde darauf, dass Aktien langfristig mehr Ertrag bringen als andere Anlagen – und trifft noch etliche andere Annahmen. Dass sich Ihr Investment nicht im Voraus durch eine explizite Prognose oder Vorhersage rechtfertigen ließ, spielt keine Rolle. Auch eine unausgesprochene Mutmaßung bleibt aber eine Mutmaßung. Andererseits stellt eine Prognose mit stichhaltigen Argumenten eine wohl begründete Vermutung dar – die durchaus zusätzliche Erkenntnisse liefern kann. In dieser Ära der Transparenz und treuhänderischen Verantwortung sollten Anleger gute Argumente, so unvollkommen sie sein mögen, als Grundlage für ihre Portfolio-Allokationen zu würdigen wissen.

Empfohlener Lesestoff
Wenn es Ihnen also gefällt, lesen Sie ruhig alle Ausblicke, deren Sie habhaft werden können – vor allem solche von Leuten, die Ihre persönlichen Ansichten infrage stellen. Lassen Sie dabei aber eine gehörige Portion Skepsis walten. Die Märkte sind nämlich ausgesprochen unberechenbar. Bis zu einem gewissen Grad können wir daher alle nur Vermutungen anstellen. Beurteilen Sie uns nach unseren Argumenten und Theorien. Und achten Sie auf unseren Ausblick für 2020, der in den nächsten Tagen folgt.
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Diese Unterlagen dienen ausschließlich der Information und sind nicht als Investmentberatung zu verstehen. Die vorstehend geäußerten Ansichten und Stellungnahmen entsprechen dem Stand zum 8. November 2019 und können sich aufgrund von Markt- und sonstigen Bedingungen ändern. Es kann nicht zugesichert werden, dass sich die prognostizierten Entwicklungen bewahrheiten. Zudem können die tatsächlichen Ergebnisse unterschiedlich ausfallen.

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