Bertrand Rocher

Bertrand Rocher

Head of Credit Research
Mirova**

Marc Briand

Marc Briand

Head of Fixed Income
Mirova

Dass Russland Anfang des Jahres in der Ukraine einmarschiert ist, hat seither in vielen Ländern – vor allem in ganz Europa – in Bezug auf die Energieversorgung einen Weckruf ausgelöst. Das langfristige Ziel bleibt die Umstellung von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien. Doch wie realistisch ist die Zeitplanung angesichts der unmittelbaren Notwendigkeit, Energiesicherheit zu gewährleisten?

Im Juni verringerte der russische Energieriese Gazprom den Erdgasfluss durch seine Pipeline Nord Stream 1 um 60 %, um ein technisches Problem zu lösen.1 Im Juli stellte er die Gaszufuhr komplett ein. Die Wartung der Pipeline, die zuvor die Hälfte des von Deutschland bezogenen Gases lieferte, sorgt in großen Teilen Nordeuropas weiter für Nervosität2.

Viele sehen darin nur einen weiteren Beleg dafür, dass wir unsere Abhängigkeit von Kohle, Öl und Gas – und damit von ausländischen Regierungen, die uns feindlich gesinnt sein können – verringern müssen. Doch der allmähliche Ausstieg aus fossilen Brennstoffen ist nicht so einfach.

Der Energiesektor setzt heute rund drei Viertel der Treibhausgas (THG)-Emissionen frei3 und spielt eine Schlüsselrolle für die Abwendung der schlimmsten Folgen des Klimawandels. Doch um die „Nettonull“ zu erreichen, sind zahlreiche Hürden zu überwinden: Das erfordert konzertierte Bemühungen im Bereich der Elektrifizierung, den beschleunigten Einsatz erneuerbarer Energien – wie Windkraft oder Sonnenenergie – und die Optimierung des Energieverbrauchs.

Vor allem aber nimmt die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen weltweit zu, die Energiepreise sind sprunghaft gestiegen und „Energiesicherheit“ hat die „Energiewende“ in vielen Ländern als wichtigsten Punkt auf der Tagesordnung verdrängt. Dem Weltwirtschaftsforum zufolge muss die Wende daher „energisch vorangetrieben werden durch verstärkte Investitionen in saubere Energien, ehrgeizigere politische Ziele und Veränderungen am Energieverbrauch von Haushalten und Industrie”4.

Die zunächst von Covid und im Anschluss durch die Erholung des Angebots nach dem Wiederhochfahren der Wirtschaft ausgelöste Volatilität auf den Energiemärkten sowie der Ukrainekrieg haben die Energiepreise explodieren lassen, was Haushalte wie Unternehmen stark belastet.

So mancher fragt sich, ob das Tempo beim Umsteigen auf erneuerbare Energien kurzfristig zu große Belastungen hervorruft, während andere meinen, die von der Nettonull ausgelöste Kostenspirale werde die Ärmsten am härtesten treffen. So bezeichnet beispielsweise in der Regierung des Vereinigten Königreichs eine immer lautere Opposition die Energiewende als ungerecht5.

Laut einem Bericht des einflussreichen Oberhausausschusses für Wirtschaftsfragen haben sich Lücken zwischen den Zielen der britischen Regierung zur CO2-armen Stromerzeugung und den praktischen Plänen für ihre Umsetzung offenbart. Der Bericht betonte ferner, das Vereinigte Königreich müsse sicherstellen, dass bei seiner Abkehr von fossilen Brennstoffen nicht zu stark auf Mineralien gesetzt werde, die für die für erneuerbare Energie erforderliche Technik benötigt werden – etwa für Solarmodule, Windkraftanlagen und Elektrofahrzeuge6.

Andere wollen wissen, ob die beschleunigte Einführung neuer Kapazitäten für erneuerbare Energien überhaupt in allen geografischen Regionen praktisch durchführbar ist.

So hatten beispielsweise im Mai in Australien auf die Erschließung erneuerbarer Energie spezialisierte Unternehmen Probleme, ihre Projekte planmäßig abzuschließen, da die weltweit steigenden Energiepreise die Kosten für Stahl und andere Werkstoffe in die Höhe trieben. Hinzu kam, dass es in ganz China zu erheblichen Verzögerungen in den Lieferketten kam, auch für Chips und Solartechnik7.

Währenddessen hat offenbar jenseits des Atlantiks der oberste US-Gerichtshof Ende Juni mit einem Entscheid US-Maßnahmen zur Umstellung auf saubere Energie hinausgeschoben. Das Gericht verfügte, dass die Umweltschutzbehörde den Clean Air Act nicht heranziehen darf, um ohne ausdrückliche Zustimmung des Kongresses einen Systemwandel anzustoßen8.

Bis Ende Juli wurden die Bestrebungen der größten Volkswirtschaft der Welt in Sachen saubere Energie von Senator Joe Manchin ausgebremst. Der Demokrat aus West Virginia hat den Klimaplänen seiner Partei wiederholt die Unterstützung verweigert9.

Seither hat sich Manchin mit der Parteiführung auf ein abgewandeltes Paket geeinigt, das unter anderem 369 Milliarden US-Dollar für Energie- und Klimawandelprogramme vorsieht10. Die Details bleiben allerdings vage – und eine erneute Kehrtwende ist nicht auszuschließen.

Parallel dazu gehen die Maßnahmen auf bundesstaatlicher Ebene weiter: Mindestens 16 US-Bundesstaaten haben inzwischen Gesetze erlassen, die eine Verringerung der THG-Emissionen vorschreiben11. Doch die Staaten, die die Wende proaktiv vorantreiben, sind fast alle „blau“ (also mehrheitlich demokratisch). Um in den republikanisch geführten Bundesstaaten Veränderungen zu bewirken, muss die US-Bundesregierung tätig werden.

Noch kann Präsident Biden auf Bundesebene Maßnahmen umsetzen, die nicht vom Senat gebilligt werden müssen, wie verpflichtende strenge Vorschriften für Kohle- und Gaskraftwerke.

Er hat sogar durchblicken lassen, dass er mit Blick auf den Klimawandel den nationalen Notstand ausrufen könnte, was ihm die nötige Exekutivbefugnis verleihen würde, um Maßnahmen zum Vorantreiben seines Klimaprogramms zu erzwingen12. Doch selbst das würde nicht reichen, um die US-Zusagen13 im Rahmen des Pariser Klimaabkommens zu erfüllen, die THG-Emissionen bis 2030 mindestens zu halbieren14.

Wer auf eine drastische politische Veränderung setzt, sollte überdies bedenken, dass die Klimakonferenz COP27 im November zeitlich mit den Zwischenwahlen in den USA zusammenfällt.

Der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge war der Juni der erste Monat überhaupt, in dem die EU mehr Gas aus den USA importierte als über Pipelines aus Russland15.

Im Rahmen seines Plans „RePower EU“ will Europa seine Gasversorgung diversifizieren, während es sich von russischem Gas löst. Derzeit machen Importe aus Russland in der EU rund 45 % der gesamten Bezugsmenge aus16. Im Rahmen des neuen Plans will Europa bereits 2027 komplett auf russisches Gas verzichten.

Der Plan ist dreigleisig konzipiert. Kurzfristig genießen Energieversorgung und Energiesicherheit angesichts der erhöhten Störungsgefahr in den kommenden Monaten oberste Priorität. Um die Ziele zu erreichen, wird ein Schwerpunkt auf der Optimierung und Ausweitung der bestehenden Gasinfrastruktur gesetzt, um eine stärkere Diversifizierung der Bezugsquellen zu ermöglichen.

Bei der Schließung dieser Lücke spielen die USA und große Akteure aus dem Nahen Osten wie Katar eine bedeutende Rolle. Darüber hinaus dürfte wohl – vor allem in Deutschland – auf kurze Sicht auch verstärkt Kohle verstromt werden, um das Defizit an bezahlbarer Energie zu decken.

Mittel- und langfristig soll sich dieser Fokus verschieben. Die Energiewende wird auf europäischer Ebene verschiedene weitere, bereits eingeleitete Initiativen beschleunigen – allen voran den europäischen „Fit For 55“-Plan, der auf die Verringerung der THG-Emissionen des Kontinents um 55 % bis 2030 abhebt17.
Fossile Brennstoffe werden auf den Energiemärkten weiter unverhältnismäßig große Bedeutung haben, selbst wenn grüne Alternativen schneller ans Netz gehen als erwartet. Doch aus Anlegersicht spricht viel für Unternehmen, die an der Wende beteiligt sind – also solche, die in den Sparten Windkraft, Sonnenenergie, Energiespeicherung, Atomkraft, Wasserkraft und Biomasse tätig sind.

Das größte Potenzial für CO2-arme Energie bietet die Atomkraft, doch ist diese teuer und umstritten. Das konnte Mitglieder des Europäischen Parlaments im Juli allerdings nicht davon abhalten, für die Aufnahme der Atomkraft in die grüne EU-Taxonomie zu stimmen18.

Im Vereinigten Königreich gab die Regierung währenddessen grünes Licht für das neue Atomkraftwerk Sizewell C an der Küste von Suffolk. Bis 2050 sollen dort im eigenen Land bis zu 24 GW Atomstrom erzeugt werden – dreimal so viel wie heute. Damit könnten bis zu 25 % des erforderlichen Energiebedarfs gedeckt werden19. Dieser Haltungswandel sowie die positive Angebots- und Nachfragedynamik könnten bedeuten, dass Atomkraft und Uran interessante Investmentideen darstellen.

Die britische Regierung unterstützt aber auch Windkraft und hat im Juli sechs Offshore-Windprojekte genehmigt, deren Energiekapazität sich voraussichtlich insgesamt auf 8 GW belaufen wird, also so viel, dass mehr als 7 Millionen Haushalte versorgt werden können. Sie sind Teil einer breiter angelegten Strategie, um die Nutzung erneuerbarer Energien deutlich aufzustocken. Unter anderem soll die Kapazität von Offshore-Windparks bis 2030 auf 50 GW hochgefahren werden20.

Ansonsten ist grüner Wasserstoff ein weiterer vielversprechender Bereich – er liefert pro Kilo über 2,2 Mal mehr Energie als Erdgas, 2,75 Mal mehr als Benzin und 3 Mal mehr als Rohöl21. Wird er in Strom, Wärme oder Erdgas umgewandelt, so bietet er die Möglichkeit, den aus erneuerbaren Energien erzeugten Stromüberschuss zu nutzen, Erdgas ohne fossile Brennstoffe zu erzeugen und den Transportsektor mit CO2-freiem Treibstoff ohne lokale Umweltbelastung zu versorgen.

Doch in einer Debatte um die Chancen der Energiewende dürfen Elektrofahrzeuge (Electric Vehicles, EVs) nicht fehlen. Zum einen wird die Nachfrage drastisch zunehmen: Letztes Jahr kauften die Verbraucher 6,6 Millionen EVs – doppelt so viele wie 202022 – und die Gesamtzahl könnte 2022 um über 60 % auf 10,6 Millionen steigen23.

Da die Verbraucher damit rechnen, dass die mit dem Erwerb verbundenen Gesamtkosten immer attraktiver werden, könnte auch die Entwicklung eines Ladeökosystem für die neue EV-Flotte auf der Straße die nächste große Investmentchance werden, die sich durch die Energiewende bietet.

Gedankliche Vielfalt fördert die Entwicklung erkenntnisreicher Ideen.

Das “Expert Collective” kurz vorgestellt

Glossar

  • Energiewende – Die Umstellung des globalen Energiesektors von auf fossilen Brennstoffen beruhenden Systemen für Stromerzeugung und -verbrauch auf erneuerbare Energiequellen. Die Umstellung von nicht erneuerbaren Energieträgern wie Öl, Erdgas und Kohle auf erneuerbare Energien wie Windkraft oder Sonnenenergie wird möglich durch technischen Fortschritt und gesellschaftliche Impulse zur Nachhaltigkeit.
  • Fit For 55 – Miteinander verbundene Vorschläge, die darauf abzielen, bis 2030 und darüber hinaus eine faire, wettbewerbsorientierte und umweltfreundliche Wende herbeizuführen. Insgesamt verstärkt das EU-Paket acht bestehende Rechtsvorschriften und stellt fünf neue Initiativen vor, die eine ganze Bandbreite politischer Themen und Wirtschaftssektoren berühren: Klima, Energie und Brennstoffe, Verkehr, Gebäude, Flächennutzung und Forstwirtschaft.
  • Klimaneutralität (Nettonull) – Ein Konzept, dass den Ausgleich von Treibhausgas (THG)-Emissionen zu beschreiben versucht, sodass die Summe aller durch menschliche Aktivitäten emittierten THG per saldo null beträgt. Einfach ausgedrückt ist die „Nettonull“ das Niveau, das wir erreichen müssen – indem wir die THG-Emissionen so weit wie möglich gegen null drücken –, wobei die verbleibenden Restemissionen beispielsweise von der Atmosphäre, von Meeren und Wäldern reabsorbiert oder durch Technologien ausgeglichen werden, die sie der Atmosphäre entziehen.
1 Quelle: CNBC, July 2022, https://www.cnbc.com/2022/07/05/germany-fears-russian-gas-flows-could-be-about-to-stop-for-good.html
2 Quelle: The Guardian, July 2022, https://www.theguardian.com/world/2022/jul/21/how-reliant-is-germany-and-europe-russian-gas-nord-stream
3 Quelle: IEA, August 2021, https://www.iea.org/reports/greenhouse-gas-emissions-from-energy-overview/data-explorer
4 Quelle: WEF, Fostering Effective Energy Transition 2022, https://www.weforum.org/reports/fostering-effective-energy-transition-2022
5 Quelle: BBC, March 2022, https://www.bbc.com/news/uk-politics-60572049
6 Quelle: House of Lords, Economic Affairs Committee, ‘Investing in energy: price, security, and the transition to net zero’, July 2022, https://committees.parliament.uk/publications/23165/documents/169430/default/
7 Quelle: The Guardian, May 2022, https://www.theguardian.com/environment/2022/may/24/supply-chain-delays-and-steel-costs-are-part-of-perfect-storm-stalling-renewable-energy-growth
8 Quelle: The Conversation, July 2022 https://theconversation.com/the-supreme-court-has-curtailed-epas-power-to-regulate-carbon-pollution-and-sent-a-warning-to-other-regulators-185281
9 Quelle : The Guardian, July 2022, https://www.theguardian.com/us-news/2022/jul/16/joe-manchin-biden-climate-democrats-climate-plans
10 Quelle: The Guardian, July 2022, https://www.theguardian.com/us-news/2022/jul/27/manchin-deal-democrats-schumer-reconciliation-bill-climate-health
11 Quelle: NCSL, 2021, https://www.ncsl.org/research/energy/greenhouse-gas-emissions-reduction-targets-and-market-based-policies.aspx
12 Quelle: ESGtoday, July 2022, https://www.esgtoday.com/biden-calls-climate-change-an-emergency-considers-use-of-executive-powers-to-take-action/
13 Quelle: Rhodium Group Research, October 2021, https://rhg.com/research/us-climate-policy-2030/
14 Quelle: NBCnews, April 2021, https://www.nbcnews.com/politics/white-house/biden-will-commit-halving-u-s-emissions-2030-part-paris-n1264892
15 Quelle: Bloomberg, July 2022, https://www.bloomberg.com/news/articles/2022-07-01/us-lng-supplies-to-europe-overtake-russian-gas-iea-says#xj4y7vzkg
16 Quelle: IEA, March 2022, https://www.iea.org/news/how-europe-can-cut-natural-gas-imports-from-russia-significantly-within-a-year
17 Quelle: European Commission, May 2022, https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/IP_22_3131
18 Quelle: Reuters, July 2022, https://www.reuters.com/business/sustainable-business/eu-parliament-vote-green-gas-nuclear-rules-2022-07-06/
19 Quelle: UK government Policy Paper, ‘British energy security strategy’, April 2022, https://www.gov.uk/government/publications/british-energy-security-strategy/british-energy-security-strategy#nuclear
20 Quelle: ESGtoday, July 2022, https://www.esgtoday.com/uk-greenlights-8-gw-of-offshore-wind-projects/
21 Quelle: Mirova, February 2021, https://www.im.natixis.com/images/docs/articles/2021-02---Hydrogen---ENG---defv-1-.pdf
22 Quelle: IEA, January 2022, https://www.iea.org/commentaries/electric-cars-fend-off-supply-challenges-to-more-than-double-global-sales
23 Quelle: BloombergNEF, Electric Vehicle Outlook 2022, https://about.bnef.com/electric-vehicle-outlook/

*CFA® und Chartered Financial Analyst® sind eingetragene Marken des CFA Institute.

**Mirova wird in den USA durch Mirova US LLC (Mirova US) betrieben. Vor dem 1. April 2019 war Mirova über Ostrum US tätig.

Diese Unterlagen dienen ausschließlich der Information und sind nicht als Investmentberatung zu verstehen. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten entsprechen dem angegebenen Datum und können sich jederzeit ändern. Es kann nicht zugesichert werden, dass Entwicklungen wie in diesem Artikel prognostiziert ablaufen.