Zouhoure Bousbih
Emerging markets strategist
Gold: eine Post-Dollar-Welt
Die politischen Spannungen in Lateinamerika, im Nahen Osten und in der Arktis befeuern weiterhin ein fragiles globales Umfeld und stärken den Status von Gold als sicherer Hafen. Die Attraktivität des Edelmetalls geht jedoch über die reine Risikoabsicherung hinaus. Sie spiegelt einen breiteren Wandel in der monetären Macht wider. Der US-Dollar etablierte sich als Weltreservewährung, indem er das britische Pfund verdrängte – ein Prozess, der fast vierzig Jahre dauerte und auf einer strategischen Anhäufung von Gold beruhte.
Vor dem Ersten Weltkrieg war das Vereinigte Königreich das weltweite Finanzzentrum, und britische Staatsanleihen galten weltweit als die sicherste Anlage. Das Pfund Sterling war damals die dominierende Reservewährung. Die Vereinigten Staaten hatten beträchtliche Bestände an britischen Staatsschulden angehäuft, die vollständig in das vorherrschende Finanzsystem integriert waren. Zwischen 1914 und 1917 wurden die USA zu einer Industriemacht und begannen, angesichts von Bedenken hinsichtlich der Finanzierung der Kriegsanstrengungen, ihr Engagement in britischen Schulden zu reduzieren, indem sie große Volumina dieser Vermögenswerte in Gold und US-Staatsanleihen umwandelten. Ab 1919 entwickelten sich die Vereinigten Staaten zum Hauptgläubiger der Welt, und der Dollar etablierte sich als neuer internationaler monetärer Maßstab.
China scheint nun einen vergleichbaren Wandel einzuleiten. Es hat seine Bestände an US-Staatsanleihen schrittweise reduziert, von 1,3 Billionen Dollar im November 2013 auf knapp über 600 Milliarden Dollar im November 2025. Gleichzeitig hat die Chinesische Volksbank ihre Goldreserven deutlich aufgestockt, die ein Rekordniveau erreicht haben und nun fast 11 % der Gesamtreserven ausmachen – was immer noch unter der oft als Richtwert genannten Schwelle von 15 % liegt.
In jüngster Zeit haben die chinesischen Aufsichtsbehörden die Finanzinstitute angewiesen, ihr Engagement in US-Staatsanleihen weiter einzuschränken – ein klares Signal für die Absicht der Behörden, die Widerstandsfähigkeit ihres Bankensystems zu stärken und seine Abhängigkeit vom Dollar zu verringern. Peking bereitet sich auf eine Welt vor, in der das globale monetäre Gleichgewicht grundlegend umgestaltet werden könnte.
Sébastien Thénard
Emerging market debt portfolio manager
Auf der Suche nach Unabhängigkeit
Während der Anstieg der Goldpreise seit 2025 besonders auffällig war, folgt der Anteil – und damit die Rolle – von Gold in den Devisenreserven der Zentralbanken von Schwellenländern bereits seit einiger Zeit einem bemerkenswerten Aufwärtstrend (siehe Grafik unten).