Alexandre Carrier, Portfoliomanager bei DNCA Investments, zeigt auf, warum die geopolitischen und makroökonomischen Unsicherheiten, die sich aus dem Konflikt im Nahen Osten ergeben, das strukturelle Interesse der Anleger an Gold und Rohstoffen nicht beeinträchtigen.
Ist es immer noch der richtige Zeitpunkt, um in Rohstoffe zu investieren? Wo befinden wir uns derzeit im Rohstoffzyklus?
Alexandre Carrier (AC): Wir befinden uns derzeit mitten im Rohstoffzyklus. Dieser Zyklus wird hauptsächlich von Kapitalinvestitionen angetrieben. Zwischen 2010 und 2020 führten niedrige Rohstoffpreise dazu, dass Bergbauunternehmen ihre Investitionen zurückfuhren. Die Situation hat sich seit der Pandemie geändert: Die Nachfrage nach Metallen, angetrieben durch Elektrifizierung, erneuerbare Energien, Elektrofahrzeuge und Rechenzentren, ist hoch.
Diese schnell wachsenden Sektoren sind sehr kapitalintensiv und verbrauchen grosse Mengen strategischer Metalle. Kupfer ist beispielsweise unerlässlich für Stromnetze, Rechenzentren, Verteidigung, Elektrofahrzeuge und Robotik, Zinn für das Löten von Halbleitern.
Aber Unternehmen investieren nur die Hälfte dessen, was benötigt wird, um die zukünftige Nachfrage zu decken. Der Anstieg der Rohstoffpreise dürfte den Investitionsappetit anregen. Jedoch gibt es immer eine Verzögerung zwischen dem Beginn der Investitionen und dem Anstieg der Produktion; und eine nennenswerte zusätzliche Produktion ist vor 2030 unwahrscheinlich. Das Angebotsdefizit bleibt bestehen.
Gibt es angesichts dieses Angebotsmangels Länder, die für den Rohstoffmarkt strategisch wichtig sind?
AC: Wenn wir versuchen, die Hauptakteure zu kategorisieren, verfügt eine erste Gruppe von Ländern – wie Australien, Kanada, Brasilien und Chile – über eine zuverlässige Produktion. Neben dieser ersten Gruppe gibt es Länder, deren Produktion weniger stabil, aber von entscheidender Bedeutung ist, wie die Demokratische Republik Kongo, Südafrika, Myanmar und Argentinien. Eine Unterbrechung der Versorgung in diesen Ländern könnte erhebliche Auswirkungen auf die globalen Rohstoffmärkte haben.
Inwieweit ist die Konzentration der Rohstoffproduktion in einer begrenzten Anzahl von Ländern mit dem Streben der Industrieländer nach Souveränität vereinbar, insbesondere angesichts der strategischen Bedeutung dieser Metalle in verschiedenen digitalen, ökologischen und strategischen Übergängen?
AC: Die Welt befindet sich derzeit in einer De-Globalisierungsphase. Die Fragmentierung des Welthandels führt zu einem Anstieg von Protektionismus, Nationalismus und dem Wunsch, die Versorgung zu sichern, insbesondere in strategischen Sektoren. Ähnlich wie bei der Politik zum Aufbau von Ölreserven in den 1970er Jahren beginnen Länder, Reserven an strategischen Materialien aufzubauen.
Der Goldpreis stieg 2025 dramatisch an, insbesondere getrieben durch Käufe von Zentralbanken. Glauben Sie, dass sich dieser Trend 2026 fortsetzen wird?
AC: Der aktuelle Trend der Zentralbanken, sich vom Dollar zu diversifizieren, dürfte sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Gold ist ein strategisches Diversifizierungsasset. Länder wie China, Kasachstan und Indien haben ihr Engagement in Gold erhöht. China hält immer noch nur etwa 10 Prozent seiner Devisenreserven in Gold.
Strukturell gesehen dürften Zentralbanken voraussichtlich weiterhin regelmässig Gold kaufen, um ihre Reserven vom US-Dollar weg zu diversifizieren. In einem unsicheren geopolitischen Umfeld hat Gold den Vorteil, eine Anlage zu sein, welche immun gegen Sanktionen ist.
Gold wird, ähnlich wie beispielsweise der US-Dollar, US-Staatsanleihen oder der Schweizer Franken, als sicherer Hafen angesehen. Warum ist es für Investoren ein so beruhigendes Asset?
AC: Obwohl Gold kein perfektes Absicherungsinstrument ist, eignet es sich hervorragend zur Portfoliodiversifizierung. Erstens hat es eine geringe Korrelation mit Aktien und Anleihen. Darüber hinaus birgt es kein Gegenparteirisiko. Schliesslich erscheint Gold in einem unsicheren geopolitischen und makroökonomischen Umfeld, in dem die Höhe der öffentlichen Ausgaben und Defizite sowie die Last des Schuldendienstes – getrieben durch steigende Zinsen oder Bemühungen zur Haushaltsaufrüstung – voraussichtlich weiter steigen werden, als beruhigendes Asset.
Welcher von den Märkten unterschätze Trend könnte Ihrer Meinung nach den Rohstoffmarkt grundlegend verändern?
AC: Der aktuelle Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten, Israel und Iran verdeutlicht die Energieabhängigkeit Europas und Asiens von fossilen Brennstoffen aus dem Nahen Osten. Dieser geopolitische Weckruf dürfte die Elektrifizierung und Investitionen in erneuerbare Energien beschleunigen. Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor verbrauchen täglich rund 25 Millionen Barrel Öl.
Steigende Ölpreise dürften die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen ankurbeln. Das Bestreben, die Energieproduktion lokal anzusiedeln, sei es aus Wind-, Solar- oder Kernkraftquellen, sollte für jedes Land, das fossile Brennstoffe importiert, Priorität haben. Das Streben nach Energieunabhängigkeit geht Hand in Hand mit einer langfristigen Unterstützung der Nachfrage nach strategischen Metallen wie Kupfer, Aluminium, Zinn und Zink.
Interview geführt am 7. April 2026