Philippe Faget, Lehrer und Experte für Private Assets bei VEGA Investment Solutions, erläutert, wie die EZB nach der Finanzkrise den Weg für das Wachstum von Private Assets in Europa geebnet hat und warum Rahmenbedingungen, die für alle ideal erscheinen, selten dauerhaft bestehen bleiben.
Wenn Sie auf die letzten 25 Jahre zurückblicken, welcher Moment erscheint Ihnen am wichtigsten, um das heutige Umfeld der Private Assets zu verstehen?
Philippe Faget (PF): Für mich war der entscheidende Wendepunkt nicht der Dotcom-Crash 2000 oder die Finanzkrise 2007–08. Es war der Schritt der Europäischen Zentralbank (EZB), die Zinspolitik um 2014 in den negativen Bereich zu drücken. Diese Entscheidung schuf ein völlig neues Regime für Anleger, insbesondere in Europa. Es war nicht nur eine weitere Zinssenkung, sondern ein kompletter Paradigmenwechsel.
Plötzlich erkannten die Anleger, dass Guthaben in Geldmarktfonds oder Bankeinlagen faktisch Kosten verursachen. Das war ein Schock, besonders für Institutionen, die bisher nur eine Umgebung mit positiven Zinsen kannten. Es zwang sie, über Asset-Allocation, Portfoliokonstruktion und die Erreichung langfristiger Renditeziel zu neu zu denken, da der traditionell sichere Anteil des Portfolios keine Rendite mehr bot.
Von entscheidender Bedeutung beschleunigte dieses Umfeld die Entwicklung von Private Assets. Pensionsfonds, Versicherungen und andere langfristige Anleger mussten über börsennotierte Anleihen und Aktien hinausblicken, um die benötigten Renditen zu erzielen, und Private Equity, Private Debt und Infrastruktur wurden in der strategischen Asset-Allokation zentral, nicht mehr nur nebensächlich.
Wie fühlte sich dieser Moment damals an, und wie änderte er das Verhalten?
PF: Zu dieser Zeit arbeitete ich bei den Ratingagenturen Moody’s und S&P mit dem Fokus auf alternative Investments. Aus dieser Perspektive wurde der Schritt zu negativen Zinsen als starkes, proaktives Signal gesehen: Die Zentralbanken waren entschlossen, Deflation zu vermeiden und das Wachstum nahezu egal zu welchem Preis zu unterstützen. Die Märkte nahmen es positiv auf. Es herrschte das Gefühl von „kostenlosem Geld“ für Regierungen und Unternehmen – selbst schwächere Kredite profitierten von extrem günstigen Finanzierungen.
Die andere Seite der Medaille war jedoch herausfordernder: Traditionelle Sparer und konservative Institutionen erkannten, dass sie in nominalen Zahlen bei geldähnlichen Instrumenten Geld verloren hatten. Es war wirklich eine neue Welt für diejenigen, die es gewohnt waren, Zinsen zu kassieren, ohne sich allzu viele Gedanken über Risiko zu machen.
Zwei Dinge liefen parallel. Erstens trieb eine enorme Suche nach Rendite Anleger in Spread-Produkte und alternative Investments. Zweitens wurde die Rolle der Private Markets in Portfolios deutlich hervorgehoben. Private Equity, Private Credit und Infrastruktur hörten auf, Nischen-Diversifizierer zu sein, und wurden zu zentralen Bausteinen in langfristigen Anlagepolitiken.
Aber das ist nur die erste Hälfte der Geschichte. Die zweite Hälfte handelt von der Finanzkrise und der anschließenden Regulierung. Strengere Kapitalvorschriften für Banken und strengere Kreditstandards bedeuteten, dass Banken die Kreditvergabe nicht mehr auf dieselbe Weise wie vor 2008 vermitteln konnten. Diese Finanzierungslücke schuf Raum für private Kreditmanager, um einzuspringen.
Somit wirkten zwei Kräfte: Negative Zinsen, die Anleger in Richtung höherer Erträge drängten, und Regulierungen, die die Kreditvergabe von Banken in alternative Finanzierungsquellen verschoben. Gemeinsam schufen sie ein goldenes Jahrzehnt für Private Credits und Private Equity, das von viel Liquidität, niedrigen Zinsen, relativ günstigen makroökonomischen Bedingungen und begrenztem geopolitischen Stress geprägt war. Bevor Covid zuschlug, könnte man es fast als Utopie für Private Markets bezeichnen.
Heute befinden wir uns in einer ganz anderen Situation. Die Zinsen sind höher, geopolitische Risiken sind zurück, und Anleger sind vorsichtiger mit Hebel und Ausstiegen. Genau hier werden die Echos vergangener Krisen nützlich: Sie erinnern uns daran, dass Rahmenbedingungen, die für alle ideal erscheinen, selten dauerhaft bestehen bleiben.
Welche Bereiche der Private Markets zeigen Echos aus vergangenen Zyklen und welche Teile fühlen sich neu an?
PF: Das Echo ist, dass Zeiten reichlicher Liquidität und niedriger Zinsen unweigerlich zu gewissen Exzessen führen. Vor 2008 waren es Subprime-Verbriefungen und hochgradig fremdfinanzierte Strukturen auf den öffentlichen Märkten. Vor Covid hatten wir in den Private Markets sehr großzügige Finanzierungsbedingungen, hohe Bewertungen und die Überzeugung, dass Kapital immer zu niedrigen Kosten verfügbar sein würde.
Heute hat sich das makroökonomische Umfeld verändert. Geld hat wieder seinen Preis. Das bedeutet, dass Private-Equity-Investoren sich stärker auf echte Wertschöpfung konzentrieren müssen und nicht nur auf Finanzengineering. Der Kauf eines Unternehmens mit günstigen Krediten und die Hoffnung auf eine multiple Expansion sind viel schwieriger, wenn die Finanzierung teuer ist und Käufer bei ihrem Ausstieg selektiver vorgehen.