Die Zeit wird allmählich knapp, um das globale Ziel zu erreichen, Klimaneutralität zu bewerkstelligen und die globale Erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen. Während sich Staaten, Unternehmen und Verbraucher auf verschiedene Weise bemühen, die Umwelt- und Energiewende herbeizuführen, wird immer deutlicher, dass dabei jeder eine Rolle übernehmen muss – auch die Rentenmarktanleger.

Grüne Anleihen haben sich als glaubwürdige, messbare festverzinsliche Lösung herausgebildet, um zur Finanzierung eines radikalen Wandels des Energiemixes beizutragen. Weil der Markt für grüne Anleihen so aufgeschlossen ist für Mitwirkung, offenen Dialog und Austausch bewährter Verfahren, sind Regierungen und politische Entscheider in aller Welt sehr daran interessiert, ihn zu fördern.

2022 sorgte der heftige makroökonomische Gegenwind, der die Emission von Anleihen aller Art weltweit erschwerte, erstmals seit zehn Jahren für einen Rückgang des Volumens von grünen Anleihen im Vergleich zum Vorjahr.1 Bertrand Rocher und Agathe Foussard von Mirova erläutern, warum die Aussichten für die nachhaltige festverzinsliche Investmentlandschaft 2023 freundlicher erscheinen.

Bertrand Rocher

Bertrand Rocher

Mirova
Grundsätzlich achten wir sehr genau darauf, wie detailliert und transparent für jedes von uns berücksichtigte Projekt über mögliche Auswirkungen berichtet wird.“
Agathe Foussard

Agathe Foussard

Mirova
Wir rechnen dieses Jahr mit einer Expansion des Marktes und hoffen für die Märkte für festverzinsliche Wertpapiere und für Anleiheemittenten ganz allgemein auf mehr Außenwirkung.“
BERTRAND ROCHER: Zunächst einmal dienen sie der Diversifizierung von Anleihenportfolios. Bei der Diversifizierung unterscheidet sich der Markt für grüne Anleihen kaum noch von traditionellen Anleihen. Darüber hinaus kann mit diesen Papieren ein ähnliches finanzielles Ergebnis erzielt werden – manchmal auch ein besseres. Selbst wenn sich ein Anleger nicht so sehr für ESG-Faktoren interessiert, können diese in puncto Diversifizierung und Wertentwicklung ein interessantes Investment für Kunden darstellen.

Zweitens gibt es starke Argumente für ESG-Investments. Grüne Anleihen sind ein hervorragendes Mittel, mit dem Anleger die Transparenz ihres Portfolios erhöhen können. Sie können nachvollziehen, wie ihr Geld angelegt wird und welche Wirkung sie damit im ESG-Bereich erzielen.

Darüber hinaus bieten grüne Anleihen eine effiziente Möglichkeit, um die CO2-Bilanz eines Portfolios zu verbessern. Wenn Sie also Kunden haben, die sich gerade erst auf ESG-Investments einstellen, sind grüne Anleihen der einfachste und direkteste Weg, um ihnen zu zeigen, dass Sie sich für Investitionen in diesem Marktsegment einsetzen.
AGATHE FOUSSARD: Vom letzten Jahr einmal abgesehen, wächst der Markt. Die Abschwächung von 2022 betraf auch nicht speziell den Markt für grüne Anleihen – steigende Zinsen bedeuteten, dass das Emissionsgeschehen insgesamt nachließ, nicht nur bei grünen Anleihen, sondern auch bei allen konventionellen Schuldverschreibungen.

Wir rechnen dieses Jahr mit einer Expansion des Marktes und hoffen für die Märkte für festverzinsliche Wertpapiere und für Anleiheemittenten ganz allgemein auf mehr Außenwirkung. Wir gehen davon aus, dass die Emittenten wieder auf den Markt zurückkehren, möglicherweise mit Neuemissionen im Volumen von rund 900 Mrd. US-Dollar. Wir erwarten steigende Zahlen in den Bereichen grüne und nachhaltige Anleihen, wobei die Dynamik bei sozialen Anleihen schwächer ausfallen könnte.
BR: Da sich die Inflation einzubremsen scheint, obwohl sie in den nächsten Monaten durchaus noch einmal leicht zulegen könnte, bevor sie – wie die Zinsen – wieder nachgibt, könnten grüne Anleihen von ihrer längeren Duration profitieren. Eigentlich müssten grüne Anleihen überdurchschnittlich abschneiden, weil der übrige Markt generell weiter eine kürzere Duration aufweist.

AF: Beachten Sie bitte auch, dass sich der Abstand bei der Duration im Verlauf von 2022 verringert hat, sodass grüne Anleihen weniger sensibel reagieren. Im Grunde ist das ein Rechenexempel. Durch höhere Renditen reagieren Anleihen nicht mehr so stark auf Marktbewegungen. So ist die Duration für den globalen Index für grüne Anleihen beispielsweise zurückgegangen. Des Weiteren gab es am kürzeren Ende der Kurve mehr Emissionen.

In den letzten Jahren war es einfach attraktiver für Emittenten, sich am langen Ende der Kurve zu finanzieren, da die Zinsen extrem niedrig waren. Das ist inzwischen anders. Wir gehen von mehr und mehr Emissionen im kurzen bis mittleren Abschnitt der Kurve aus.

Tatsächlich sehen wir bereits viele Emissionen mit Laufzeiten unter fünf Jahren. Wir müssen aber auch die Umweltwende beschleunigen. Die Zeit drängt. Wir rechnen daher damit, dass Emittenten kurzfristig Finanzierungsbedarf haben werden.

Allgemein weist der Index für grüne Anleihen bisher eine längere Duration auf als konventionelle Referenzwerte – wobei diese Tendenz angesichts der neuen Trends zu kürzeren Laufzeiten bei Primäremissionen nachlässt.
AF: Das liegt vor allem an den Unterschieden zwischen diesen Anlageklassen und europäischen oder globalen aggregierten Indizes sowie daran, dass über grüne Anleihen finanzierte Projekte in aller Regel längerfristig angelegt sind.

Viele supranationale Emittenten, Behörden und auch immer mehr Staaten legen grüne Anleihen auf. Anders als im konventionellen aggregierten Index, der staatliche Emissionen aus allen Kurvenabschnitten abdeckt, investieren sie eher am langen Ende der Kurve, weshalb die Duration des Index für grüne Anleihen im Regelfall länger ist.

Außerdem handelt es sich dabei um einen jungen Markt. Die durchschnittliche Laufzeit von Anleihen, die vor 35 Jahren begeben wurden, ist daher länger als bei den Anleihen des übrigen Marktes, die möglicherweise erst vor zehn Jahren emittiert wurden.
Stellen staatliche Emittenten in Sachen Transparenz eine besondere Herausforderung dar?

BR: Nach unserer Definition einer grünen Anleihe gibt es manche Staaten, deren grüne Emissionen schlicht nicht den Kriterien entsprechen, die wir hier bei Mirova anlegen.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Wir haben nach wie vor ein Auge auf die Qualität der grünen Bundesanleihe – insbesondere darauf, wie Deutschland auf die Kohleverstromung zurückgreift. Nach unserem Eindruck könnte sich zeigen, dass sich die Strategie der deutschen Regierung insgesamt nicht mit der Strategie deckt, die das Land mit seinen grünen Anleihen verfolgt.

In diesem speziellen Fall könnte das ferner bedeuten, dass wir früher oder später neu bewerten müssen, ob die grüne Bundesanleihe noch grün ist.
BR: Für die Emittenten grüner Anleihen gelten Berichtspflichten. Deshalb erstatten sie gewöhnlich mindestens einmal im Jahr Bericht. Sie berichten über die Projekte, in die sie investieren. Wenn sie also an einem Projekt für erneuerbare Energien beteiligt sind, geben sie an, wie viel Megawatt Strom mit diesem Projekt erzeugt werden kann. Wenn es um Energieeffizienz geht, versuchen die Investoren auch, die Effizienzsteigerungen zu beziffern.

Sie berichten zudem häufig über ihre eigenen CO2-Emissionen. Diese Angaben prüfen wir jedoch besonders gründlich. Wir schauen uns das Investitionsprojekt genauer an und lassen uns bei der Berechnung der CO2-Emissionen von unserem Partner Carbon 4 Finance unterstützen.

Auf diese Weise wird eine direkte Verbindung zu den Projekten geschaffen. In Kombination mit der anschließenden Berichterstattung und der höheren Transparenz auf dem Markt für grüne Anleihen ist es somit einfacher für uns, die Auswirkungen unserer Anleihenfonds zu dokumentieren – viel leichter als bei anderen Anlageklassen.

Grundsätzlich achten wir sehr genau darauf, wie detailliert und transparent für jedes von uns berücksichtigte Projekt über mögliche Auswirkungen berichtet wird.
BR: Wir merken allmählich, dass sich institutionelle Kunden aus dem Vereinigten Königreich, Asien, Irland, Spanien und Italien verstärkt für mehr Transparenz ihrer Investments interessieren und deshalb Kapital in eine CO2-arme Wirtschaft lenken. Ebenso aufschlussreich ist, dass die Nachfrage nach wohlstandserhaltenden Investments wächst. Außerdem ist es ausgesprochen faszinierend, zu spüren, dass die Menschen begreifen, worum es geht – dass sie so ihre Portfolios diversifizieren, ihre Risiken steuern und Veränderungen bewirken können.

Der Hauptgrund dafür: Der Markt für grüne Anleihen ist reifer geworden. Von grünen Anleihen gehört hatten die Leute schon vor fünf Jahren, hielten sie aber unbesehen für ein Nischeninvestment. Bei diesem Stichwort dachten sie an ein paar Franzosen mit komischen Bärten. Inzwischen wissen sie, dass sich grüne Anleihen gut entwickeln können und dass es sich dabei um ein Finanzprodukt auf einer Plattform handelt, die wirklich etwas bewegen kann. Um etwas Reales, Handfestes. Und dass sich der effektive Wert von Kundenportfolios dadurch steigern lässt.
1 Source: Climate Bonds Initiative, 2023 https://www.climatebonds.net/2023/04/green-and-other-labelled-bonds-fought-inflation-reach-usd8585bn-2022

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