Die scheinbare Stabilität bei IPOs verschleiert die Expansion von Private Equity
Über Jahrzehnte hinweg galt der Börsenticker als wichtigster Gradmesser für die wirtschaftliche Verfassung und unternehmerische Ambitionen. Ein Börsengang (Initial Public Offering, IPO) markierte den Eintritt eines Unternehmens in die Reifephase und bot privaten wie institutionellen Anlegern gleichermaßen die Möglichkeit, an dessen weiterem Wachstum zu partizipieren.
Heute ist dieser Lebenszyklus nicht mehr der einzige Weg.
Aus der Vogelperspektive betrachtet zeigt sich das weltweite IPO-Volumen relativ stabil; die jährlichen Schwankungen bewegen sich im Rahmen historischer Höchst- und Tiefststände (mit Ausnahme von 2021 als Aufholeffekt nach den pandemiebedingten Tiefständen von 2020). Dieses Bild ist jedoch verzerrt: Es wird maßgeblich von den Notierungen US-amerikanischer Technologieunternehmen sowie einzelnen Megatransaktionen geprägt. Dies verstellt den Blick auf die langfristige Kapitalumschichtung zugunsten von Private Equity.
So verzeichneten die USA beispielsweise hochkarätige Börsengänge wie den der Social-Media-Plattform Reddit oder wegweisende Notierungen wie die des Raumfahrtunternehmens SpaceX, die enorme Bewertungen an den öffentlichen Märkten erzielten und so die aggregierten IPO-Zahlen in historischen Bandbreiten hielten.
Zu den jüngsten Börsengängen zählen einige größere, reifere Unternehmen, die deutlich länger in privater Hand geblieben sind und diese Zeit genutzt haben, um ihre Marktposition und eine langfristige Infrastruktur aufzubauen. Dieser Trend wird exemplarisch durch OpenAI verdeutlicht – ein Unternehmen, das die Investmentlandschaft neu definiert hat, indem es zweistellige Milliardenbeträge direkt an den Privatmärkten aufgenommen hat.
Mit anderen Worten: Die IPO-Volumina werden heute von Mega-Listings gestützt, die überhaupt erst durch die Ausdehnung des Private-Equity-Investitionszyklus möglich wurden. Private Equity ist mittlerweile in der Lage, auch in fortgeschrittenen Reifephasen immer größere Unternehmen mit Eigenkapital zu finanzieren.
Was macht diesen Wandel möglich – und für Unternehmen attraktiv?
Immer mehr Unternehmen entscheiden sich dafür, ihr Börsendebüt hinauszuzögern, und ziehen es vor, vollständig im privaten Bereich heranzureifen. Historischen Auswertungen des Center for Research in Security Prices (CRSP) der University of Chicago zufolge hat sich das Durchschnittsalter von Technologieunternehmen beim Börsengang in den vergangenen zwei Jahrzehnten nahezu verdoppelt: von rund 5,5 Jahren Anfang der 2000er-Jahre auf über elf Jahre im Jahr 20252. Diese verlängerte Reifephase bedeutet, dass der Großteil der frühphasigen Wertschöpfung längst stattgefunden hat, bevor überhaupt ein Börsenkürzel registriert wird.
Ermöglicht wird diese grundlegende Veränderung der unternehmerischen Zeitachsen durch ein privates Kapitalökosystem, das sowohl im Bereich Private Equity als auch bei Private Debt deutlich gereift ist. Auf der Fremdkapitalseite sorgt der Aufstieg eines hochentwickelten Private-Debt-Marktes – dessen globales Volumen mittlerweile deutlich über 1,9 Billionen US-Dollar liegt – dafür, dass Unternehmen zur Aufnahme von Fremdkapital nicht mehr auf die Emission öffentlicher Anleihen angewiesen sind.2
Die wachsende Investorenbasis für Private-Equity-Fonds begünstigt die Entstehung von Mega-Fonds, die in der Lage sind, über längere Zeiträume hinweg substanzielles Kapital bereitzustellen. Für institutionelle Investoren hat sich Private Equity nach vier Jahrzehnten des Bestehens zu einer nahezu traditionellen Anlageklasse entwickelt. Strukturelle Innovationen wie Continuation Funds, der Sekundärmarkt für Fondsanteile (Secondaries) oder Co-Investment-Fonds eröffnen zudem den Zugang über unterschiedliche Kanäle und Formate.
Schließlich erschließen regulatorische Anpassungen den Markt für neue Anlegergruppen: darunter Erleichterungen bei regulatorischen Auflagen und Haftungsrisiken für US-Pensionspläne (401(k)-Pläne) sowie der regulatorische Vorstoß zur Förderung von Private Assets in Europa durch ELTIF-Strukturen (European Long-Term Investment Funds).
Aus reiner Unternehmensperspektive erlaubt der Verbleib in privater Hand den Managementteams, sich im Rahmen einer privaten Governance auf strategische Zeithorizonte von fünf bis sieben Jahren zu konzentrieren. Ein naheliegendes Beispiel hierfür ist das bereits erwähnte Unternehmen OpenAI; ebenso verdeutlichen dies Privatisierungen börsennotierter Konzerne („Public-to-Private“-Transaktionen), wie etwa das Delisting der britischen Investmentplattform Hargreaves Lansdown (geführt von CVC Capital Partners) oder der Rückzug des Schweizer Bankensoftware-Konzerns Temenos von der Börse (geführt von KKR).
Ein „Dual-Engine“-Ansatz für moderne Portfolios
Für Asset Allocator bedeutet dieser strukturelle Wandel keine simple Entweder-oder-Entscheidung zwischen öffentlichen und privaten Märkten. Vielmehr definiert er neu, wie liquide und illiquide Anlagen in einem diversifizierten Portfolio koexistieren sollten. Anstatt miteinander zu konkurrieren, fungieren Public und Private Markets zunehmend als zwei Triebwerke eines gemeinsamen Wirtschaftsmotors.
Um den Kern der Wirtschaft abzubilden, bleibt Public Equity das effizienteste Instrument. Öffentliche Märkte bieten unmittelbare Liquidität, regelmäßige Dividendenausschüttungen und die verlässliche Möglichkeit, selbst in Phasen makroökonomischer Unsicherheit umfangreiche Positionen auf- oder abzubauen.
Um hingegen High-Conviction Alpha und frühzeitige Innovationen zu vereinnahmen, erweisen sich Private Assets heute als treffender. Da Unternehmen während ihrer dynamischsten Wachstumsphasen bewusst privat bleiben, werden die öffentlichen Märkte zunehmend von reifen Unternehmen mit moderaterem Wachstumspotenzial dominiert. Ein rein auf den börsennotierten Bereich beschränktes Portfolio läuft Gefahr, einen der primären Motoren wirtschaftlicher Wertschöpfung zu verpassen: Innovation.
Institutionelle Investoren haben ihre Allokation in Private Assets nach der globalen Finanzkrise forciert, um das anhaltende Niedrigzinsumfeld zu kompensieren. Die Entstehung eines „Credit-Kontinuums“, insbesondere bei Pensionskassen und Versicherern, veranschaulicht diesen Wandel, durch den Private Debt zu einem festen Bestandteil der Portfolioallokation wurde.
Sehr vermögende Privatkunden (High-Net-Worth Individuals) folgten diesem Trend bereits vor einem Jahrzehnt – insbesondere über Private-Equity-Fonds. Andere Privatanleger beginnen erst jetzt, dieses Potenzial für sich zu erschließen. Begünstigt wird dies durch technologische Entwicklungen (Neobanken, Digitalisierung) und regulatorische Öffnungen wie ELTIF-Vehikel sowie die Verbreitung liquiderer Evergreen-Fonds für Privatanleger.
Navigation im nahtlosen Equity-Kontinuum
Da die Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Märkten zunehmend durchlässig werden, verliert das traditionelle Silodenken an Relevanz. In der Praxis erzeugt eine Portfoliokonstruktion ohne Private Equity einen Selection Bias, der das Portfolio von den innovativsten und wachstumsstärksten Eigenkapitalengagements abschneidet. Umgekehrt würde einem ausschließlich auf Private Equity basierenden Portfolio die nötige Reaktionsfähigkeit und Flexibilität fehlen. Die Portfoliokonstruktion muss sich daher diesem neuen Paradigma anpassen, in dem Wertschöpfung und Unternehmensreife nicht mehr primär vom Börsenstatus abhängen.
Trotz der zunehmenden Durchlässigkeit weisen börsennotierte und private Märkte weiterhin ihre eigenen technischen Spezifika auf. Für die Einzeltitelselektion sind nach wie vor spezialisierte Manager gefordert, da sich die erforderlichen Expertisen grundlegend unterscheiden. In diesem Umfeld bietet die Kombination börsennotierter Aktienfonds und Private-Equity-Fonds im Rahmen einer ganzheitlichen Allokation einen pragmatischen Weg, um Ressourcen und das Risiko-Rendite-Profil zu optimieren. Fondsselektoren oder Dachfondskonzepte können hierbei unterstützen.
Die langfristige Performance entsteht nicht mehr durch die Entscheidung für das eine und gegen das andere Marktsegment, sondern durch den Aufbau eines Portfolios, das Werte entlang des gesamten Unternehmenslebenszyklus erschließt – unabhängig davon, ob ein Unternehmen börsennotiert ist oder nicht.