Bertrand Rocher

Bertrand Rocher

Head of Credit Research
Mirova**

Marc Briand

Marc Briand

Head of Fixed Income
Mirova

Angesichts der beispiellosen Hitzewellen, die Europa im Sommer 2022 überrollt haben, erscheinen die Ziele des Pariser Klimaabkommens zur Verringerung der Treibhausgasemissionen und zur Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf 2 °C über vorindustriellem Niveau wichtiger denn je.

Auch der russische Einmarsch in der Ukraine war ein Weckruf für die europäische Energieversorgung und machte deutlich, wie dringend wir unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern müssen.

Regierungen und Unternehmen weltweit räumen der Energiewende hohe Priorität ein und unterstützen den Umstieg auf eine kohlenstoffarme Welt. Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) sind jährlich Investitionen in saubere Energie in Höhe von 4 Bio. US-Dollar weltweit erforderlich, um bis 2030 Klimaneutralität zu erreichen.1

Mit einem Schlaglicht auf nachhaltige Finanzierungsmöglichkeiten zur Bereitstellung von Lösungen, die die Energiewende vorantreiben, kristallisieren sich grüne Anleihen als eine Investmentgattung heraus, die dazu beitragen kann, einen radikalen Wandel des Energiemix zu finanzieren.

Grüne Anleihen gehören wohl zu den besten festverzinslichen Instrumenten auf dem Markt, um die Umstellung auf eine kohlenstoffarme Welt zu beschleunigen. Sie sind insofern mit konventionellen Anleihen vergleichbar, als ein Emittent einer grünen Anleihe dem Kreditgeber über einen bestimmten Zeitraum das Kapital mit Zinsen (dem sogenannten Kupon) zurückzahlt.

Der Unterschied besteht darin, dass die Erlöse aus der Emission einer grünen Anleihe in die Finanzierung von Projekten fließen, die positiv zur Umwelt- und Energiewende beitragen. Dazu gehört die Entwicklung CO2-freier Mobilität, die energetische Sanierung von Wohnraum und öffentlichen oder privaten gewerblichen Gebäuden oder die Entwicklung und Speicherung erneuerbarer Energie.

Grüne Anleihen werden von verschiedenen öffentlichen und privaten Akteuren wie Regierungen, Unternehmen, zwischenstaatlichen Einrichtungen, Finanzinstituten und Entwicklungsorganisationen emittiert. Die ersten grünen Anleihen legten die Europäische Investitionsbank und die Weltbank auf: die EIB 2007 den Climate Awareness Bond , die Weltbank 2008 ihre erste grüne Anleihe3 .

Die Emission grüner Unternehmensanleihen legte rasch zu – von einem Volumen von 27 Mrd. US-Dollar im Jahr 2014 auf über 34 Mrd. US-Dollar 2016.4 Tatsächlich war 2016 das Jahr, in dem Apple in US-Dollar die allergrößte grüne Unternehmensanleihe überhaupt auflegte – im Volumen von 1,5 Mrd. US-Dollar –, was viele Analysten überraschte.1 Das verhieß einen echten Meilenstein für den Sektor der grünen Anleihen.

Eines der damit finanzierten Projekte war ein Robotersystem zur Zerlegung abgelegter iPhones, um wiederverwertbare Rohstoffe wie Silber und Wolfram zurückzugewinnen. Apple wollte zur Energiewende beitragen, indem es an nachhaltigeren Werkstoffen für seine Produkte forschte und Altgeräte recycelte. Ein Jahr später legte Apple seine zweite grüne Anleihe über 1 Mrd. US-Dollar auf.
Unternehmen, die grüne Anleihen ausgeben, sehen darin eine gewaltige Chance, Kapital einzuwerben, mit dem alte, ineffiziente Energieinfrastruktur durch effiziente, umweltfreundliche Verfahrensweisen ersetzt werden kann. Für Anleger bedeutet das, sich durch die Übernahme des Kapitalverlustrisikos an dem Prozess zu beteiligen.

Natürlich haben der russische Einmarsch in der Ukraine im Februar und die anschließende Energiekrise in Europa im Zusammenspiel mit steigenden Zinsen und hoher Volatilität 2022 zu einer allgemein rückläufigen Anleihenemission geführt. Nach Angaben der Climate Bonds Initiative beliefen sich neue grüne Schuldtitel für die erste Jahreshälfte auf insgesamt 218,1 Mrd. US-Dollar – ein Rückgang um 21 % gegenüber dem im ersten Halbjahr 2021 verzeichneten Rekordvolumen von 277,5 Mrd. US-Dollar.5

Doch während das Volumen im ersten Quartal (Q1) von 2022 so niedrig ausfiel wie zuletzt in Q4 2020, erholte sich die Emission grüner Anleihen in Q2, als neue Anleihen im Volumen von 121,3 Mrd. US-Dollar auf den Markt kamen – ein Anstieg um 25 % im Quartalsvergleich.5 Letztlich erreichte die Emission zu grünen Themen insgesamt mit knapp 1,9 Bio. US-Dollar fast den Meilenstein von 2 Bio. US-Dollar.5

Da grüne Anleihen ein hohes Maß an Transparenz aufweisen, können Anleger in gewissem Umfang die Vorteile solcher Investments anhand zugänglicher Kennzahlen quantifizieren (wie CO2-Verringerung oder die Zahl der aus sauberen Energieträgern erzeugten Gigawattstunden). Dadurch sind grüne Anleihen auf jeden Fall transparenter als herkömmliche Papiere.

Anerkannte Normen, die eine sektor- und emittentenübergreifende Vergleichbarkeit grüner Anleihen ermöglichen, könnten aber noch auf sich warten lassen. Bessere Berichterstattung und mehr Transparenz, die wachsende Zahl von Datenquellen und die Vereinheitlichung von Messmethoden werden in den kommenden Jahren allerdings zweifellos für spürbare Fortschritte in dieser Frage sorgen.

Letztlich bleibt es dem Emittenten überlassen, klare Entscheidungskriterien für die Zulässigkeit eines Projekts zur Finanzierung und die verlässliche Verfolgbarkeit der Erlösverwendung festzulegen.
Nein, sind sie nicht – wie grün eine bestimmte Anleihe ist, ist oft nicht klar zu beantworten. Per definitionem haben grüne Anleihen eine positive ökologische Wirkung. „Soziale Anleihen“, die oft mit grünen Anleihen in einen Topf geworfen werden, verfolgen gesellschaftlich relevante Ziele wie bezahlbaren Wohnraum. „Nachhaltige“ Anleihen bieten dagegen sowohl gesellschaftlichen als auch ökologischen Nutzen.

Die Green Bond Principles der International Capital Market Association liefern Leitlinien für Emittenten grüner Anleihen, aber auch für Anleger, die sich über die Bewertung der ökologischen Wirkung ihrer Investments informieren möchten. Der Nachweis, wie „grün“ eine Anleihe ist, ist aber keine exakte Wissenschaft. So verpflichtet sich beispielsweise nicht jeder Emittent einer grünen Anleihe dazu, jährliche Impact-Berichte mit quantitativen Impact-Kennzahlen herauszugeben.

Aus diesem Grund ist Vorsicht angebracht. Erfreulicherweise sind manche Vermögensverwalter bei der Auswahl kritischer als andere. Während sich manche auf ein Mindestmaß an Analyse beschränken, fordern andere, dass die ökologische Wirkung des mit einer grünen Anleihe finanzierten Projekts auch ausreichend klar und ehrgeizig sein muss, um sicherzustellen, dass beim Erreichen des erklärten Ziels spürbare Fortschritte erzielt werden können.

Auf jeden Fall muss unbedingt darauf geachtet werden, wie genau und transparent die Impact-Berichte über einzelne Projekte sind, da sich dadurch die Ängste der Anleger vor „Greenwashing“ effektiv abbauen lassen – also den Prozess, einen falschen Eindruck zu erwecken oder irreführende Informationen darüber zu erteilen, wie umweltfreundlich die Produkte einer Gesellschaft sind.

Kurz, die rasche Zunahme grüner Anleihen zeigt, dass Anleger die Chance ergreifen, der Energiewende Vorschub zu leisten. Sie achten dabei aber auch immer genauer und kritischer auf Anzeichen für „Greenwashing“. Mit zunehmender Reife und breiterer Streuung des Marktes durch neue Emissionen, Ratings, Länder und Sektoren wird dieser Punkt immer wichtiger.

Aus Überzeugung grün: Ihr festverzinsliches Portfolio

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GLOSSAR
  • Festverzinsliche Wertpapiere – Eine Anlageklasse, die Anlegern bis zur Fälligkeit des Investments – dem vereinbarten Termin, an dem das Investment endet, was oft die Rückzahlung oder Prolongation einer Anleihe auslöst – Zahlungsströme in festgesetzter Höhe zukommen lässt, in der Regel in Form von festen Zinsen oder Dividenden. Bei Fälligkeit erhält der Anleger zusätzlich zu den bereits vereinnahmten Zinsen den investierten Kapitalbetrag zurück. Zu den typischen festverzinslichen Investments zählen Staatsanleihen, Unternehmensanleihen und in den letzten Jahren auch vermehrt grüne Anleihen.
  • Emission – Der „Rentenmarkt“ beschreibt grob einen Markt, auf dem Anleger Schuldtitel kaufen können, die entweder von staatlichen Stellen oder von Unternehmen auf den Markt gebracht oder „emittiert“ werden. Regierungen von Ländern „emittieren“ gewöhnlich Anleihen, um Kapital zur Schuldentilgung oder zur Finanzierung von Verbesserungen der Infrastruktur zu beschaffen. Unternehmen „emittieren“ Anleihen, um das nötige Kapital für die Weiterführung des Betriebs, den Ausbau von Produktlinien oder die Eröffnung neuer Standorte aufzubringen.
  • Klimaneutralität – Ein Konzept, das darauf abhebt, die Treibhausgasemissionen so auszugleichen, dass alle durch menschliche Aktivitäten ausgestoßenen Treibhausgase per saldo null ergeben. Der Punkt der „Nettonull“ ist erreicht, wenn alle verbleibenden THG-Emissionen durch Technologien kompensiert werden, die der Atmosphäre diese Gase entziehen.
  • Rendite – Ein Maß für die aus einem Investment vereinnahmten Erträge. Im Falle einer Aktie besteht die Rendite in der jährlichen Dividendenzahlung in Prozent des Marktkurses der Aktie. Bei Anleihen ist die Rendite der jährliche Zins in Prozent des aktuellen Marktkurses.
1 Quelle: IEA, Net Zero by 2050, May 2021, https://www.iea.org/reports/net-zero-by-2050
2 Quelle: European Investment Bank, https://www.eib.org/en/investor-relations/cab/index.htm
3 Quelle: World Bank, https://www.worldbank.org/en/news/immersive-story/2019/03/18/10-years-of-green-bonds-creating-the-blueprint-for-sustainability-across-capital-markets
4 Quelle: Natixis Investment Managers, 2017, http://hub.im.natixis.com/en/articles/green.shtml
5 Quelle, Climate Bonds Initiative, 2022, https://www.climatebonds.net/reQuelles/press-releases/2022/08/h1-market-report-green-and-other-labelled-bond-volumes-reach-4178bn

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